Trotz sinkenden Stahlpreisen ist aktuelle Lage angespannt

Die Stahlpreise für Flacherzeugnisse aus europäischen Hochöfen sinken mit angezogener Handbremse, und so purzelt der Warmbandpreis auf 1.250 Euro.¹ Damit ist der Preis um 100 Euro niedriger als zu Ostern 2022. Ursache ist die schwache Stahlnachfrage. Dem Stahlverband Eurofer zufolge ist keine Besserung in Sicht.

Für die Stahlproduzenten wird es ungemütlich. Sie möchten die Stahlpreise aufgrund steigender Herstellkosten hoch halten. Neugeschäft kommt jedoch kaum zustande, als potenzielle Käufer große Mengen Stahl auf Lager haben und weitere Preisrückgänge abwarten. Überdies bleiben die Hüttenbetreiber auf nicht abgerufenem Stahl der Autohersteller sitzen.

Der Warmbandpreis sank zwischen Ende März und Anfang Mai 2022 um 175 Euro je Tonne(-12%). Trotz des Rückgangs wurde der von dem Ukraine-Krieg ausgelöste Preisanstieg noch nicht einmal um die Hälfte zurückgenommen. Dafür müsste der Stahlpreis um weitere 50-60 Euro sinken. Mitte Februar, vor Kriegsausbruch und Energiekostenexplosion, hatte Warmband 960 Euro gekostet.

Der Stahlpreis für kaltgewalzten Stahl war am 4. Mai 1.350 Euro ex-works Ruhr. Das waren 75 Euro weniger als Ende April. Feuerverzinkter Bandstahl kostete 1.345 Euro. Wer Stahlherstellern 5.000 Tonnen oder mehr abnehme, könne sich feuerverzinkten Stahl laut einem Verkäufer für 1.300 Euro sichern. Bei Kaltband sei sogar 1.250 Euro machbar.

Stahlnachfrage

Die Kunden der Stahlhersteller mit ihre vollen Lagerhallen werden nach Einschätzung von Marktteilnehmern erst Ende Mai wieder mehr zu bestellen. Bis dahin könnte der Warmandpreis am Spotmarkt auf 1.200 Euro bzw. etwas darunter sinken. Kunden mit größeren Bestellungen würden dann wohl für 1.100 Euro zum Zug kommen.

Mit Blick auf die längerfristige Stahlnachfrage ist laut dem europäischen Stahlverband (Eurofer) das Kind in den Brunnen gefallen. Vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs hatte der Lobbyverband der EU-Stahlhersteller ein Anstieg der Stahlnachfrage um 3,2 Prozent prognostiziert. Die neue Prognose sieht für 2022 eine um 1,9 Prozent niedrigere Stahlnachfrage als 2021. Es handelt sich um die so genannte "Apparent Steel Demand". Hier werden Importe hinzuaddiert und Exporte abgezogen.

Von einer "großen Rezession in der Entstehung" warnte derweil Bosch-Chef Stefan Hartung im Gespräch mit dem US-Börsensender CNBC. Noch sei die Wirtschaft allerdings nicht am schrumpfen, als die während der Covid-Pandemie aufgestaute Konsumnachfrage die Gesamtwirtschaft aktuell über Wasser halte.

Als sich im Frühjahr 2020 das Covid-Gewitter entlud, war der Stahlpreis für Warmband im Tief auf 400 Euro je Tonne gefallen. Die Energie- und Rohstoffpreise brachen seinerzeit massiv ein. Der Ölpreis für die Nordseesorte Brent sank im April 2020 auf 9 US-Dollar je Fass.

Aktuell sind Öl und Gas mehr als zehnmal so teuer wie vor zwei Jahren. Zieht man Einschätzungen von Banken-Rohstoffexperten zu rate, wäre das Abwärtspotenzial von Rohstoffpreisen im Falle einer Rezession sehr begrenzt. Die Energiekosten dürften damit hoch bleiben, was einem merklichen Rückgang der Stahlpreise im Weg stünde.

¹Euro/Tonne (1.000 kg) ex-works Ruhr, 6. Mai 2022,Quelle: Platts

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